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Zwischen App-Zwang und Abstellgleis: Warum die Wirtschaftspolitik 2026 an der Lebensrealität der Senioren vorbeigeht

  • Autorenbild: Uta Lewien-Schmidt
    Uta Lewien-Schmidt
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

​Der aktuelle Jahreswirtschaftsbericht 2026 liest sich wie eine Erfolgsgeschichte der Effizienz: Das Rentenniveau ist bei 48 % stabilisiert, die „Aktivrente“ soll den Fachkräftemangel lindern, und die Digitalisierung verspricht den großen Befreiungsschlag gegen die Bürokratie. Doch wer einen Blick in den zeitgleich erschienenen Neunten Altenbericht wirft, merkt schnell: Zwischen der glänzenden Berliner Zahlenwelt und dem Alltag von Millionen Senioren klafft eine Lücke, die immer tiefer wird.


Die Legende von derdemografischen Last

​Es ist eine Erzählung, die sich hartnäckig hält: Die alternde Gesellschaft sei ein „Risiko“ für den Wohlstand. Doch blicken wir einmal zurück – denn die heutige Situation ist kein Naturereignis, sondern das Ergebnis politischer Weichenstellungen.

​In den 80er und 90er Jahren wurden ältere Arbeitnehmer massenhaft in den Vorruhestand geschickt. Warum? Um die Arbeitslosenstatistiken zu schönen und Platz für die „Generation Praktikum“ zu schaffen. Man wollte die höheren Tariflöhne der Erfahrenen einsparen. Heute, wo die Fachkräfte fehlen, erinnert man sich plötzlich wieder an das „Potenzial“ der Älteren. Erst aussortiert, nun als Rettungsanker umworben – diese Ironie der Geschichte wird in den offiziellen Berichten gerne verschwiegen. Es ist an der Zeit, aufzuhören, den demografischen Wandel den Menschen „anzuhaften“. Die Generationen haben nicht über den Wandel entschieden; sie mussten mit den Fehlentscheidungen der Politik leben.


Digitalisierung: Fortschritt oder Barriere?

Ein zentrales Versprechen des Jahreswirtschaftsberichts ist der Abbau von Bürokratie durch Digitalisierung. Doch was für den 30-jährigen Software-Entwickler eine Erleichterung ist, wird für viele Senioren zum täglichen Spießrutenlauf.

​Es geht nicht einmal nur darum, dass Schalter schließen und durch Apps ersetzt werden. Es geht oft um die Geräte, die noch da sind: Haben Sie schon einmal als älterer Mensch versucht, einen der neuen, hochkomplexen Fahrkartenautomaten zu bedienen? Vielleicht mit klammen Fingern im Winter am Bahnsteig oder schlimmer noch: während Sie in einer ruckelnden Tram versuchen, das Gleichgewicht zu halten? Die Menüführung ist oft ein Labyrinth, die Schrift zu klein, der Zeitdruck enorm.

​Und die entscheidende Frage, die kein Wirtschaftsbericht beantwortet: Wer hilft, wenn es nicht funktioniert? Wenn der Automat streikt oder die Karte nicht akzeptiert? Früher gab es einen Schaffner oder einen Schalterbeamten. Heute gibt es eine Hotline-Nummer, an der man in der Warteschleife hängt, während die Bahn längst abgefahren ist. Das ist kein Bürokratieabbau. Es ist eine Arbeitsverlagerung und ein massiver Stressfaktor. Der Staat und die Unternehmen sparen Personal, während die Bürger – insbesondere die älteren – die Mehrarbeit und das Risiko tragen.


„Digitalisierung, die Menschen am Bahnsteig zurücklässt, weil das Menü des Automaten ein Labyrinth ist und weit und breit kein Ansprechpartner zu finden ist, ist kein Fortschritt. Es ist ein Organisationsversagen auf Kosten derer, die nicht mit dem Smartphone in der Hand geboren wurden.“

Fazit: Respekt ist keine Frage des Geburtsjahres

​Der Jahreswirtschaftsbericht 2026 sieht den Senior primär als Wirtschaftsfaktor – entweder als Konsumenten oder als (länger arbeitende) Fachkraft. Doch der Mensch ist mehr als eine Ziffer in der Rentenformel.

​Wir brauchen eine Politik, die erkennt, dass echte Generationengerechtigkeit nicht bedeutet, Jung gegen Alt auszuspielen. Sie bedeutet, eine Infrastruktur zu schaffen, in der sich jeder sicher bewegen kann – egal ob mit der App in der Hand oder dem Bargeld in der Tasche. Es ist Zeit für eine Wirtschaftspolitik, die den Menschen nicht nur „mitnimmt“, sondern ihn dort abholt, wo er steht.

​Was denken Sie? Ist die Forderung nach einem „Recht auf analoge Teilhabe“ in unserer Zeit noch realistisch? Oder müssen wir uns damit abfinden, dass der Mensch sich der Technik anpassen muss? Schreiben Sie uns in den Kommentaren!



Quelle Foto: #1769982282248 KI erstellt




 
 
 

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